Karikatur Allgemein

Etymologisch kommt der Begriff Karikatur vom italienischen "caricare" = "übertreiben" und wurde wohl zuerst als "ritrattini carichi" für karikierende Portraitzeichnungen der Brüder Carraci benutzt.

"caricatura" im Trattato Mosinis 1646;
überladen; carica = Ladung, Attacke;

Die Karikatur ist eng verwand mit der Satire, die sich etymologisch auf das lateinische satura = bunter Früchteteller = zurückführen lässt und sich auf Spottgedichte von Juvenal und Horaz bezieht. Weitere Themen sind .

Bei den Darstellung werden bestimmte Merkmale von Personen (Gesichtszüge, Kleidung, Gestik), komische Situationen, menschliche Schwächen, Absurdes, Humorvolles, Visionen und Unmenschlichkeit in grotesker Übertreibung und satirischer oder komischer Absicht verzerrt. Die populärste Form der satirischen Karikatur ist der im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte "Cartoon", der ein soziales oder politisches Phänomen als Spott- Zerrbild pointiert-überspitzt darstellt.

Erste Karikaturen sind bereits aus dem alten Ägypten überliefert. Auch in der griechischen und römischen Antike war die karikierende Darstellung von mythischen Szenen und alltäglichen Typen (Säufer, Athleten etc.) bekannt. Das Verfahren der typisierenden Karikatur findet im Mittelalter eine derbe Ausprägung (Mönche, Bauern etc.) und wurde in der Renaissance verfeinert. In der von der Malerfamilie Carracci gegründeten Kunstschule in Bologna wurde Ende des 16. Jahrhunderts das Verfertigen von Karikaturen zum akademischen Gegenstand. Studenten dieser Schule zeichneten Bilder von Besuchern in Tiergestalt. Der in Rom tätige Kupferstecher Pier Leone Ghezzi setzte die Tradition fort, indem er deformierte Porträts von Touristen zeichnete. Ihre heute typische Form erhielt die Karikatur Ende des 18. Jahrhunderts vor allem in England und Frankreich.

Geschichte der Karikatur

Frankreich

Konterrevolutionäre Karikatur zur Zeit der französischen Revolution in Frankreich:
Hauptthema in der Revolutionszeit sind die politisch-gesellschaftskritischen Umstände und die Satire.
Die Karikatur ist nur in der Zeit der Pressefreiheit bis zur Radikalisierung durch die Jakobiner bis Herbst 1792 möglich. Die Royalisten drucken zu Beginn der Revolution ihre Karikaturen meist anonym in dem Journal "Les Actes des Apôtres" ab. Einzelblätter kursieren unter der Hand. Bekannt ist fast ausschliesslich ein gewisser Michel Webert, der mit Wibre signiert. Für die Royalisten kommen die mit beißendem Spott zu karikierenden Feinde aus dem eigenen Lager, beispielsweise der Marquis de Lafayette, der Bischof Talleyrand oder der Graf Mirabeau.

Karikaturen gegen Robbespierre wurden posthum 1794 veröffentlicht. Erst im Directoire (1785 - 99) gibt es wieder Karikaturen. Bevorzugte Sujets sind die Eitelkeiten und Modetorheiten der Bourgeoisie. Hervorzuhebende Künstler sind Carle Vernet und Jean Baptist Isabey. Unter Napoleon wurde die in der Revolution abgeschaffte Zensur wieder eingeführt.

Im 19.Jhrd. schuf der Journalist Charles Philipon mit seinen Zeitschriften "La Caricature" (gegründet 1830), "Le Charivari" (1832) und "Le Journal pour Rire" (1848) der Karikatur mehrere Organe. Die wichtigsten Beiträge stammten von Künstlern wie Honoré Daumier, Gustave Doré und Gavarni. Daumier wurde für seine bissige Karikatur von König Louis-Philippe inhaftiert. Spätere französische Karikaturisten waren Henri de Toulouse-Lautrec und Jean-Louis Forain. Heute druckt vor allem die Zeitschrift "Le Canard enchaîné" in Frankreich politische Karikaturen.

 

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Literatur zur Französischen Karikatur
  • Arizzoli-Clémentel, Pierre Les arts de la Révolution 1789 - 1799, in: Bordes, Philippe: Aux armes et aux arts; Paris: Biro, 1988
  • Baecque, Antonio de: La caricaturé révolutionaire; Paris, 1988
  • Goldstein, Robert Justin: Censorship of political caricature in nineteenth-century France; Kent: Ohio, 1989
  • Grunwald Center for the Graphic Arts, Wight Art Gallery; University of California, Los Angeles: La Cariature française et la Révolution, 1789 - 1799; Politique et Polemique; Los Angeles, 1988
  • Herding, Klaus; Otto, Gunter (Hrsg.): "Nervöse Auffangorgane des inneren und äußeren Lebens", Karikaturen; Gießen, 1980
  • Koselleck, Reinhart (Hrsg.): Die Französische Revolution als Bruch des gesellschaftlichen Bewußtseins; Vorlage und Diskussionen der internationalen Arbeitstagung am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld; München: Oldenburg, 1985
  • Lüsebrink, Hans-Jürgen; Reichardt, Rolf (Hrsg.): Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680 - 1820; Band 10, München: Oldenburg
  • Roland, Berthold (Hrsg.): Die Bastille; Symbolik und Mythos in der Revolutionsgraphik; eine Ausstellung des Landesmuseums Mainz und der Universitätsbibliothek Mainz; Mainz, 1989

England

In England entstanden erste politische Karikaturen bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Einer der ersten Künstler, der prominente Zeitgenossen karikierte, war George Townshend: Seine Werke ließ Townshend auf Karten drucken und als Flugblätter verteilten.Eine gelungene Ausdrucksform für seine satirischen Absichten fand William Hogarth, der die sozialen Konventionen und die heuchlerische Moral seiner Londoner Umgebung in Karikaturen ad absurdum führte.Zwischen 1761 und 1770 boten Zeitschriften wie "Town and Country Magazine", "Political Register" und "Universal Museum" Künstlern in England ein neues Forum, um prominente Persönlichkeiten und politische Sachverhalte zu karikieren. Drei der wichtigsten Karikaturisten dieser Blätter waren Thomas Rowlandson, James Gillray und George Cruikshank.

1841 wurde die satirische Wochenzeitschrift "Punch" gegründet, die neben französischen Publikationen zum Vorbild ähnlicher Publikationen im Ausland wurde. Zu den Karikaturisten des "Punch" gehörten George du Maurier, der das modische Gesellschaftsleben der englischen Mittel- und Oberschicht karikierte, sowie Sir John Tenniel, dessen Cartoons Themen der internationalen Politik aufgriffen.Nach 1868 brachte die Zeitschrift "Vanity Fair" farbige Lithographien von karikierten Prominenten heraus, die zumeist von Sir Leslie Ward stammten. Bedeutende englische Karikaturisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren Max Beerbohm und David Low. Heute werden Karikaturen in englischen Tageszeitungen und in dem Satiremagazin "Private Eye" abgedruckt.

Spanien

In Spanien nutzte vor allem Francisco José de Goya Anfang des 19. Jahrhunderts die Karikatur zur Sozialkritik. In zahlreichen Bildfolgen verspottete er die religiösen, politischen und sozialen Ungerechtigkeiten seiner Zeit, etwa in den 80 Radierungen seiner von der Regierung beschlagnahmten Serie "Caprichos" 1799.

USA

Einer der bedeutendsten amerikanischen Karikaturisten des 20. Jahrhunderts war Thomas Nast, dessen satirische Attacken gegen die Südstaaten während des Amerikanischen Bürgerkrieges (1861-1865) in "Harper's Weekly" erschienen. Ein anderer wichtiger amerikanischer Karikaturist war Joseph Keppler, der 1876 die humorvolle Zeitschrift "Puck" begründete. Heute ist der von Paul Klee und Pablo Picasso beeinflußte Zeichner Saul Steinberg einer der bedeutendsten Karikaturisten der USA.

Eines der einflußreichsten Foren der gegenwärtigen amerikanischen Karikaturszene ist die Zeitschrift "The New Yorker".

Deutschland

Unter den deutschen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts ragen der mit vermenschlichten Tierdarstellungen für die "Fliegenden Blätter" arbeitende Adolf Oberländer (1845-1923) und der mit Karikaturen von Bismarck und Napoleon III. für den "Kladeradatsch" arbeitende Wilhelm Scholz (1874-1969) heraus. Auch die Arbeiten Wilhelm Buschs zeigen Elemente der Karikatur.

Um 1900 wurde der "Simplicissimus" zu einer Satirezeitschrift, die Karikaturisten wie Thomas Theodor Heine (1867-1948), Rudolf Wilke (1873-1908) und Olaf Gulbransson (1873-1958) um sich scharte. In den zwanziger Jahren karikierte George Grosz das deutsche Spießbürgertum und das Militär. Eine seiner bekanntesten Publikationen dieser Art ist "Ecce Homo" 1922. Auch Otto Dix betätigte sich als sozialkritischer Karikaturist.

Zu den zeitgenössischen Karikaturisten in Deutschland gehören Paul Flora, Horst Haitzinger, Pepsch Gottscheber, Loriot, Robert Gernhardt und F. W. Bernstein. Zwei Satirezeitschriften, die Karikaturen publizieren, sind der ehemals ostdeutsche "Eulenspiegel" und das Satiremagazin "Titanic".

Literatur Allgemein

  • Hofmann, W. "Die Karikatur" Wien,1956
  • Piltz,G. "Geschichte der europäischen Karikatur" München,1992
  • Langlois,C. "La caricature francaise" 1789-99 Los Angeles, 1988
  • Ausstellungskatalog "Karikatur und Satire" Hypo - Kulturstiftung München,1992
  • Vetter-Liebenow "Schriften zur Karikatur und kritischen Grafik" Stuttgart
  • Fischer / Vetter-Liebernow "Wer löscht das Licht? - Europäische Karikatur und Alltagswelt" Stuttgart, 1994

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